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Postpartale Depressionen

Zusammenfassung der Ergebnisse

Im folgenden werden die anhand der Einzelfalldarstellungen und des Komparationteils der Arbeit geschilderten Ergebnisse unter Berücksichtigung der im Methodenteil genannten Vorannahmen zusammengefasst.

Mit Hilfe der detaillierten Verlaufsbeschreibungen konnte die Schwangerschaft sowohl für postpartal depressive als auch für nicht depressive Mütter als eine Vorbereitungszeit auf die Mutterschaft beschrieben werden, die zum Teil mit tiefen Ängsten, zumindest aber mit Verunsicherung einhergeht. Besonders eindrucksvoll schilderte Anna, eine Frau aus der Kontrollgruppe, ihre großen Ängste, die sie mit Hilfe ihres Partners überwinden konnte. Es findet sich kein Anhalt für Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich des Ausmaßes der während der Schwangerschaft erlebten Ängste, es zeigt sich jedoch ein unterschiedlicher Umgang mit diesen Gefühlen: Frauen aus der thematischen Gruppe haben sich entweder nicht mitgeteilt (Inga) oder Ängste bagatellisiert bzw. verleugnet (Karin).

Dem Geburtserlebnis kommt offensichtlich eine große Bedeutung zu: Teilnehmerinnen der Kontrollgruppe bewerteten die Entbindung durchweg positiv, wenn auch als sehr anstrengend und schmerzhaft. Von den postpartal depressiven Frauen schildert insbesondere Karin ihr Geburtserlebnis als traumatisch, wobei sich die Vorannahme, dass sich das Erleben nicht allein durch die Geburtsform bestimmen lässt, bei ihr bestätigt: Karin erlebte eine spontane, ambulante Geburt, die sie jedoch durch Gefühle der Einsamkeit, der Angst, der Hilflosigkeit und der Verlorenheit als tiefe Erschütterung erfahren hat. Auch die beiden anderen Frauen aus der thematischen Gruppe bewerten ihr Geburtserlebnis negativ: das Versagen der PDA, an die sie sich, möglicherweise auf dem Hintergrund mangelnden Selbstvertrauens, wohl allzu sehr geklammert hatten, aber auch Unzufriedenheit mit der Betreuung und ein komplizierter Geburtsverlauf, spielen dabei eine wichtige Rolle. Darüber hinaus gehen sowohl Inga als auch Swantje aus ihrem Bericht als Frauen mit einem beachtlichen Kontrollbedürfnis bzw. mit einer großen Angst vor Kontrollverlust hervor, was bei einer Geburt als einem wenig kontrollierbaren Ereignis zu großen Ängsten führen muss.

Die Vorannahme, dass Erwartungen an das Leben mit einem Kind von großer Bedeutung für die Anpassung an dieses neue Leben sind, kann als bestätigt angesehen werden. Insbesondere postpartal depressive Frauen berichten von unrealistischen Erwartungen, wie etwa Inga, die vermutet hatte, dass sich nach der Geburt nichts weiter im Leben ändern würde, sondern nur etwas Neues, Schönes im Leben hinzukomme, oder Karin, die gehofft hatte, dass nach der Geburt alles besser werde, oder auch Swantje, die der Warnung ihrer Geburtsvorbereiterin, dass nach der Geburt für die Eltern der "Berg" erst erscheine, offensichtlich keinen Glauben geschenkt hat. Um so größer ist die Enttäuschung nach der Geburt und das Entsetzen darüber, dass Wunschvorstellungen nicht oder nicht in der erhofften Form erfüllt werden. Auch Anna (Kontrollgruppe) beschreibt sich als eher ahnungslose Schwangere, kann darüber jedoch rückblickend lachen; allen ungeahnten Belastungen, wie einem anhaltend durchdringend schreienden Baby, zum Trotz erlebt sie die Mutterschaft als positiv.

Anzeichen auf Veränderungen innerhalb der Partnerschaft können ebenfalls gefunden werden. Zunächst zu den Veränderungen in der Kontrollgruppe: in Claudias Bericht wird deutlich, dass sie ihren Partner zur Zeit überwiegend in seiner Vaterrolle wahrnimmt, Anna vermisst die "traute Zweisamkeit" und auch Marie-Luise erwähnt eine Veränderung: nachdem vor der Schwangerschaft beide Partner sehr aufeinander fixiert gewesen seien, drehe sich nun alles um ihr Kind. Die Veränderungen innerhalb der Partnerschaften der Frauen aus der thematischen Gruppe werden anders beschrieben: So weist Swantje darauf hin, dass vor der Schwangerschaft bestehende Konflikte in einer Paarbeziehung postpartaler noch ausgeprägter zum Vorschein kommen, Karin entdeckt im Zusammenhang mit der postpartalen Depression das Ausmaß von Wesensunterschieden zwischen sich und ihrem Freund, die sie aktuell als Trennungsgrund erlebe. Inga äußert sich als einzige Frau aus der thematischen Gruppe positiv über ihre Ehe; ihr Partner zeige großes Verständnis für die Depression, er wird als unterstützend beschrieben.

Die Beziehung zur Mutter hat sich nicht bei allen Frauen verändert, so berichten weder Claudia (Kontrollgruppe) noch Swantje (thematische Gruppe) von einem Wandel. Marie-Luise und Anna (beide Kontrollgruppe) berichten von einer durch die eigene Mutterschaft gestiegenen Achtung vor den Leistungen ihrer Mütter; sie beschreiben ihre Erfahrungen darum als förderlich für die Mutter-Tochter-Beziehung.

Wichtiger als der Veränderungsaspekt innerhalb der Mutter-Tochter-Beziehung ist die Art der Beziehungen: bei Frauen aus der Kontrollgruppe finden sich unproblematisch und problematisch beschriebene Beziehungen, wobei bei letzteren der Eindruck entsteht, dass Probleme aufgearbeitet wurden, so dass nicht der Eindruck andauernder Konflikthaftigkeit oder Ambivalenz entstand. Darüber hinaus gehen die Frauen aus ihren Berichten als von den Müttern abgelöst hervor, wofür z.B. spricht, dass der Partner wichtiger ist, als die Mutter. Anders stellen die Frauen aus der thematischen Gruppe ihre Beziehung zur Mutter dar: Swantjes Schilderung zeugt von großer Ambivalenz. Verärgert spricht sie über das Problem der frühen Fremdbetreuung; es sieht nicht so aus, als habe sie diese Erfahrung bewältigt, die als Hinweis auf eine möglicherweise nicht sichere Bindung anzusehen ist. Es entsteht ein inkohärentes Bild der Mutter-Tochter-Beziehung, die einen konfliktbeladenen Eindruck macht. Auch Ingas Schilderungen sprechen für andauernde und ungelöste Konflikte in der Beziehung zu ihrer Mutter, sie bezeichnet sich selbst als noch nicht "abgenabelt", sie versuche jedoch zur Zeit, ihrer als besitzergreifend erlebten Mutter Grenzen zu setzen. Anzeichen von Ambivalenz sind in der widersprüchlichen Beschreibung ihrer Mutter zu erkennen; sie schildert ihre Mutter zunächst uneingeschränkt als ihr Vorbild, um später zu betonen, dass sie selbst als Mutter vieles anders machen will. Sie wolle eine Mutter sein, die ihr Kind loslassen kann; es sei problematisch für sie, sich als wichtigster Lebensinhalt der Mutter zu erleben und sich ihr dementsprechend verpflichtet zu fühlen. Karins Beziehung zu ihrer selbst jahrelang depressiven Mutter wird von ihr positiv bewertet. Sie könne sich über wichtige Themen mit ihr austauschen, durch die gemeinsame Krankheitserfahrung habe die Beziehung intensiviert, so könne sie das frühere Verhalten ihrer Mutter (wie z.B. häufiges, scheinbar grundloses Weinen) nun besser verstehen. Ihre Probleme mit diesem Verhalten äußert sie sehr vorsichtig, als wolle sie ihre Mutter schützen. Sie spricht von Hilflosigkeit, von Schuldgefühlen und großer Angst, etwas falsch zu machen. Von diesen Erfahrungen berichtet sie ohne Wut oder Ärger. Es sieht nicht so aus, als habe sie diese Probleme aufgearbeitet.

Die von depressiven und nicht depressiven Frauen unterschiedlich beschriebenen Mutter-Tochter-Beziehungen können somit als wichtiges Untersuchungsergebnis festgehalten werden.

Beim Vergleich der Unterstützungsmöglichkeiten kann nicht generell von einem Unterschied zwischen der thematischen und der Kontrollgruppe gesprochen werden, etwa dahingehend, daß depressiven Frauen weniger Hilfe entgegengebracht wird. Sowohl Karin als auch Inga erleben sehr umfangreiche familiäre Unterstützung, die als Reaktion auf die Depression angesehen werden kann. Anders sieht es mit der emotionalen Unterstützung durch den Partner aus; hier kommt in Karins und Swantjes (beide thematische Gruppe) Bericht ein intensiv erlebter Mangel zum Ausdruck. Fast alle Frauen geben an, Hilfe nur ungern anzunehmen, so dass hier kein Gruppenunterschied festzustellen ist.

Ihr Erleben des Babys als wichtiger Einflussfaktor für die Befindlichkeit der Frau wurde besonders von Anna (Kontrollgruppe) thematisiert, deren Kind während der ersten drei Monate als sogenanntes "Schreikind" bezeichnet werden kann, was bedeutet, dass es täglich mehrere Stunden geweint hat. Keine der postpartal depressiven Frauen schildern ein vergleichbares kindliches Verhalten.

Die Vorannahme, dass durch die Mutterschaft eigene Kindheitserfahrungen wiederbelebt werden, trifft besonders für Swantje (thematische Gruppe) zu, die sich nun vorstellen könne, was die frühe Fremdbetreuung für sie bedeutet habe. Inga (thematische Gruppe) denkt anlässlich der Veränderungen in ihrem Leben darüber nach, Kontakt zu ihrem leiblichen Vater, an den sie sich nicht mehr erinnern kann, aufzunehmen. Claudia (Kontrollgruppe) erinnert sich an die Zweiteilung ihrer Familie, wobei ihre Mutter und ihre ältere Schwester eine Partei waren, und sie und ihr Vater die andere, und an ihr Leiden unter der Bevorzugung der Schwester durch die Mutter. Durch die beschriebene Intensivierung der Mutter-Tochter-Beziehung in Zusammenhang mit der Krebserkrankung der Mutter entsteht der Eindruck einer verarbeiteten Erfahrung.

Abschließend werden im folgenden die im Rahmen der Beantwortung der Vorannahmen noch nicht genannten, wichtigsten Merkmale der thematischen Gruppe zusammengefasst: bei postpartal depressiven Frauen fanden sich vermehrt Hinweise auf unverarbeitete biographische Belastungsfaktoren, die die nächsten Beziehungen (Mutter, Vater) betreffen. Dabei sind eine mögliche Bindungsproblematik (Swantje) und die Beziehung zu einer jahrelang depressiven Mutter (Karin) im Sinne einer transgenerationalen Betrachtungsweise besonders bemerkenswert; ohne die Verarbeitung dieser Belastungen ist die Gefahr der Wiederholung von Beziehungsmustern mit dem eigenen Kind gegeben.

Weiterhin ist das Selbstwertgefühl als relevantes Merkmal anzusehen, das aus den Berichten der depressiven Frauen als vergleichsweise geringer hervorgeht. Als wichtige Persönlichkeitsmerkmale werden ein Hang zum Grübeln, ein sehr ausgeprägte Kontrollbedürfnis bei gleichzeitig eher externer Kontrollüberzeugung, Ängstlichkeit und ein großes Sicherheitsbedürfnis deutlich. Karin und Inga können als aggressionsgehemmt bezeichnet werden. Weiterhin zeigen beide eine Neigung zur Selbstüberforderung. Im Umgang mit Beziehungen fallen Rückzugstendenzen ins Auge, wobei die Begründungen dafür unterschiedlich zu sein scheinen: während Swantje eine misstrauische und z.T. verbitterte Haltung ihren Mitmenschen gegenüber zum Ausdruck bringt, beschreibt Karin die Angst vor Zurückweisung, die sie jedoch zu überwinden versucht, und Inga betont vor allem ihren Wunsch, niemandem zur Last zu fallen oder wehzutun. Bei Inga und Karin sind im Umgang mit Beziehungen Veränderungen zu entdecken.

Hinsichtlich der Bewältigungsstrategien fällt ein Überwiegen sogenannter "emotional-fokussierter Copingstrategien" bei den depressiven Frauen auf, wobei eine Hinwendung zu "problem-fokussierten Copingstrategien" bei Karin und Inga deutlich wird.

Bei dem Vergleich der Metaphern, die zur Verdeutlichung der eigenen Befindlichkeit gebraucht werden, kommen qualitative Erlebensunterschiede zwischen der thematischen und der Kontrollgruppe zum Vorschein: keine der nicht depressiven Frauen thematisiert Gefühle der Leblosigkeit und der Trauer, der Haltlosigkeit, der Verlorenheit und der Angst in vergleichbarer Weise (bzw. überhaupt).

Die Lebenszufriedenheit vor der Schwangerschaft wird von den Frauen aus der Kontrollgruppe als vergleichsweise deutlich größer beschrieben.

Die Mutter-Kind-Beziehung wird von den Frauen aus der thematischen Gruppe als eher kompliziert beschrieben, wobei Probleme bei der Deutung kindlicher Signale, fehlende Gefühle, Gefühle der Konkurrenz, Verlustängste, bewusste und unbewusste Schuldzuweisungen (bzgl. der Depression) an das Kind sowie Schuldgefühle angesichts der Befürchtung, die Depression könne ihm schaden, eine große Angst vor der eigenen Verantwortung und die Abhängigkeit des Kindes als überwältigende Last zur Sprache kommen. In der Interaktion habe ich zwei der Mütter als feinfühlig erlebt, eine jedoch als wenig feinfühlig und z.T. als abweisend (wiederholtes Wegschieben des Händchens von der stillenden Brust) empfunden. Zusammenfassend kann man sagen, dass die dauerhafte Nähe des Kindes von dieser Gruppe in stärkerem Maße problematisiert wurde. Eine der Mütter kann sich inzwischen sehr viel mehr an ihrem Kind freuen, da die Deutung der Signale inzwischen als leichter erlebt wird, was durch die wachsenden Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes begünstigt wird. Die Frauen aus der Kontrollgruppe stellten ihre Beziehungen zum Kind insgesamt als unkomplizierter dar und berichten über mehr Freude an der intensiven Bindung.

Sowohl in der thematischen als auch in der Kontrollgruppe finden sich Beispiele für eine interne Attribution von Misserfolg: hier kann kein Gruppenunterschied festgestellt werden. Die Verunsicherung in der neuen Rolle als Mutter, die sowohl depressive als auch nicht depressive Frauen betrifft, kann als Ursache dafür angenommen werden.

Abschließend werden im folgenden Überlegungen angeführt, warum die Frauen aus der Kontrollgruppe postpartal nicht depressiv geworden sind. Aus den genannten Befunden lassen sich verschiedene, möglicherweise protektive Faktoren ableiten:

  1. eine weitgehende Verarbeitung biographisch belastender Ereignisse

  2. eine Beziehung zur eigenen Mutter, die entweder als unproblematisch bezeichnet werden kann (z.B. Marie-Luise), oder innerhalb der problematische Aspekte verarbeitet wurden (z.B. Claudia)

  3. das Fehlen von Depressionen in der Familienanamnese

  4. ein stabiles Selbstwertgefühl

  5. eine Abwesenheit von Aggressionshemmungen, Ängstlichkeit und Rückzugstendenzen

  6. eine interne Kontrollüberzeugung

  7. ein Überwiegen von "problem-fokussierten Copingstrategien"

  8. ein hohe Lebenszufriedenheit vor der Schwangerschaft

  9. eine positiv bewertete, als emotional unterstützend erlebte Partnerschaft

  10. eine Auseinandersetzung mit den zukünftigen familiären Veränderungen

  11. ein offener Umgang mit Ängsten (Auseinandersetzung, Mitteilen)

  12. eine gute Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und Grenzen

  13. ein positiv bewertetes Geburtserlebnis.

Verständnis postpartaler Depressionen eröffnen, ohne dass deren Auftreten auch nur annähernd vollständig erklärt werden kann. Kommunikativ gewonnene Daten sind nicht in sich abgeschlossen, somit dürfen auch die Ergebnisse nicht als geschlossenes Erklärungsmodell verstanden werden.

Die Implikationen der genannten Ergebnisse für die geburtshilflichen, psychiatrische und psychotherapeutische Praxis werden im Diskussionsteil meines Buches ausführlich dargelegt.

 

© 2003 http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/postpartale-depressionen/, Status: 28. August 2003