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Postpartale Depressionen

Methode

In diesem Kapitel wird die Wahl der methodischen Herangehensweise in meiner Untersuchung begründet und deren Durchführung beschrieben.

1.
Begründung der qualitativen Herangehensweise

"... many scientifically trained researchers are unaware of
qualitative methods and some even take pride in their ignorance"

(Black, 1994, zitiert nach Buston et al., 1998, S.197)

 

Im British Journal of Psychiatry würdigen Buston, Parry-Jones, Livingston, Bogan und Wood (1998) die Bedeutung qualitativer Forschung: Sie betonen, dass quantitative und qualitative Forschung als verschiedenartige, jedoch gleichwertige Strategien anzusehen sind, anhand deren unterschiedliche Einsichten und Informationen gewonnen werden können. Während sich quantitative Forschung eher den Fragen "wie oft" oder "wie viele" widmet, versucht qualitative Forschung die Fragen "was", "warum" und "wie" zu beantworten.

Als Hauptcharakterzug einer qualitativen Herangehensweise sehen die Autoren ein durch dieses Vorgehen ermöglichtes Verständnis des Forschers für die Bedeutung des zu erforschenden Phänomens aus der Sicht der Betroffenen an. So haben Befragte im Rahmen eines Interviews die Möglichkeit, den Forschungsprozess in seiner Richtung zu beeinflussen. Weiterhin sollen Theorien aus den Daten abgeleitet werden; es geht nicht darum, bereits vorhandenes Wissen abzusichern, sondern neue Einblicke in Entstehungszusammenhänge zu ermöglichen. Somit sind qualitative Verfahren insbesondere dann von Nutzen, wenn komplexe Situationen studiert werden sollen, wobei relevante Variablen nicht sofort offensichtlich erscheinen. Die "holistische Natur" (Buston et al., 1998, S.197) qualitativer Forschung erlaubt es, die Komplexität einer Situation zu erhalten und verständlich zu machen, anstatt einen reduktionistischen Blick darauf zu werfen, damit Variablen messbar werden.

Diese Charakterzüge lassen qualitative Verfahren besonders angezeigt erscheinen, wenn es darum geht, psychische Störungen zu erforschen.

Während quantitative Forschungsmethoden anhand der Kriterien Validität, Reliabilität, Repräsentativität und Generalisierbarkeit beurteilt werden, schlagen Buston et al. Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, die Möglichkeit der Bestätigung ("confirmability", Buston et al., 1998, S.198) und Übertragbarkeit ("transferability", ebd.) als Evaluationskriterien für qualitative Studien vor.

Der Generalisierbarkeit quantitativ gewonnener Daten steht die Übertragbarkeit qualitativer Forschungsergebnisse gegenüber. Um Übertragbarkeit zu ermöglichen, ist eine exakte Beschreibung der Untersuchungsgruppe und der Ergebnisse unumgänglich.

Dem Kriterium der Reliabilität steht das der Verlässlichkeit gegenüber; damit ist gemeint, dass der Forschungsprozess so weit offengelegt werden sollte, dass eine Replikation der Untersuchung möglich ist. Mit der Möglichkeit der Bestätigung wird die Nachvollziehbarkeit der Schlussfolgerungen des Forschers für den Leser bezeichnet, wobei alternative Schlussfolgerungen berücksichtigt werden sollten. Glaubwürdigkeit schließlich bezieht sich auf die interne Validität einer Studie: "In short, do the findings make sense?" (Buston et al., 1998, S.198).

Die Autoren kommen zu dem Schluss:

"The tenets of good, scientific research dictate that it is rigorous und systematic, generating greater knowledge on a topic. Without doubt, good qualitative research is as effective in achieving this aim as is good quantitative research." (Buston et al., 1998, S.199)

Qualitative Forschung erlaubt eher als quantitative Herangehensweisen den Blick auf das "ganze Bild" (Buston et al., 1998); und das Ganze ist, wie Gestaltpsychologen feststellen, mehr als die Summe seiner Teile.

Sowohl Stoppard und McMullen (1999) als auch Stoppard (1999) betonen die Notwendigkeit qualitativer Erhebungen, um zu einem besseren Verständnis depressiver Störungen zu gelangen und um den Umstand, dass Frauen doppelt so häufig von der Erkrankung betroffen sind wie Männer, näher beleuchten zu können. Die reduktionistische Sichtweise quantitativer Methoden erscheint wenig geeignet, das persönliche Erleben betroffener Frauen in ihrem soziokulturellen Kontext deutlich und verständlich werden zu lassen.

2.
Komparative Kasuistik

Dieses von Jüttemann erstmals 1981 vorgestellte qualitative Verfahren versteht sich als

"Konzept eines systematischen Vergleichs ähnlich gelagerter Einzelfälle zum Zwecke einer Erforschung des Entstehungszusammenhangs von psychischen oder psychisch relevanten [wie z.B. psychosomatischen] Effekten, Phänomenen, Zustandsbildern o.dgl." (Jüttemann, 1990, S.1),

womit es für die Fragestellung meiner Arbeit besonders geeignet erscheint. Das erklärte Ziel des Erkenntnisgewinns ist vom Ziel der Erkenntnissicherung des in der experimentellen Forschung gängigen, hypothetiko-deduktiven Modells abzugrenzen. Der Beitrag der Komparativen Kasuistik zur ätiologischen Forschung besteht darin, "im Zuge einer zunehmend differenzierter werdenden Betrachtungsweise für spezifische Phänomene spezifische Ätiologietheorien zu entwickeln" (Jüttemann, 1984, S.59).

Dem systematischen Vergleich liegen bei dem Verfahren der Komparativen Kasuistik detaillierte Einzelfalldarstellungen zugrunde. Zuvor wird das zu untersuchende Phänomen eingegrenzt und das Unterscheidungskriterium der Untersuchungsgruppen festgelegt. Um die Vergleichbarkeit der Fälle zu erhöhen, werden sogenannte Homogenitätskriterien bestimmt, die von allen Untersuchungsteilnehmern zu erfüllen sind.

Das Verfahren erfolgt nach einem achtphasigen Modell (Jüttemann, 1981, S.33-40), wobei im Idealfall diese Phasen mehrmals wiederholt werden, was im Rahmen einer Diplomarbeit jedoch nicht möglich ist. Die Phasen werden im folgenden genannt und die Realisierung innerhalb dieser Arbeit beschrieben:

  1. Entscheidung über das Design

  2. Phänomenanalyse, Auswahl der Fragestellungen, Definition der Homogenitätskriterien

  3. Zusammenstellung von möglicherweise relevanten Hypothesen und Bereichen

  4. Präzisierung des Designs und organisationstechnische Vorarbeiten

  5. Vorbereitung der Datenerhebung und Datenaufbereitung

  6. Datenerhebung

  7. Durchführung der einzelfallanalytischen Auswertung

  8. Komparation und Bearbeitung

Als Forschungsdesign wurde eine qualitative Herangehensweise in Form eines halbstrukturierten Interviews gewählt. Der dritte Arbeitsschritt sowie die Phänomenanalyse und Auswahl der Fragestellungen wurden im Kapitel 2.4 der Diplomarbeit bereits dargelegt. Für die online Version werden sie hier noch einmal aufgeführt, damit der Leser nicht erst den entsprechenden Abschnitt des Buches heranziehen muss.

Als Untersuchungsgegenstand meiner Arbeit wurde das Erleben der Mutterschaft postpartal depressiver und nichtdepressiver Mütter festgelegt. Die Weite und Offenheit der Fragestellung ermöglicht den Zugang zu von den Frauen gewählten, relevanten Themen, die sonst möglicherweise nicht zur Sprache kommen würden. Eine Konkretisierung ergibt sich unter Berücksichtigung folgender Vorannahmen, die sich im Interviewleitfaden (siehe Anhang) widerspiegeln:

  1. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind als Zeiten massiver Veränderungen anzusehen, die Frauen hohe Anpassungsleistungen abverlangen.

  2. Die Geburt verdient als psychisch und physisch belastendes Ereignis besondere Beachtung: dabei ist vor allem das Geburtserleben und weniger die Geburtsform von Interesse.

  3. Erwartungen, die eine Frau im Hinblick auf die Geburt und auf das Leben mit einem Baby hegt, sind von großer Bedeutung für die Anpassung an die genannten Ereignisse.

  4. Durch die Mutterschaft ändern sich die nächsten Beziehungen, wobei neben der Partnerschaft der Beziehung der Frau zu ihrer Mutter im Sinne einer psychodynamisch orientierten Betrachtungsweise des Phänomens PPD besondere Bedeutung zukommt.

  5. Bei der Anpassung an das Leben mit einem Baby spielen Unterstützungsmöglichkeiten durch das soziale Netz eine bedeutende Rolle: dabei ist zu berücksichtigen, wie leicht oder schwer es einer Frau fällt, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

  6. Das Erleben des Babys – z.B. seines Temperaments – ist von großer Bedeutung für die postpartale Befindlichkeit der Frau.

Durch die Mutterschaft werden unter Umständen eigene Kindheitserfahrungen wiederbelebt: die Geburt eines Kindes kann als Reinszenierung früher Erfahrungen betrachtet werden.

Die Formulierung der genannten Vorannahmen erfolgte analog dem von Witzel (1985) vorgeschlagenen Vorgehen (vgl. 1.3) auf dem Hintergrund der zum Thema vorliegenden Literatur.

Unter Berücksichtigung der Vorannahmen war das Ziel der Untersuchung, das Erleben der Mutterschaft postpartal depressiver und nichtdepressiver Frauen in phänomenologischem Sinne zu erforschen und zu vergleichen. Die detaillierten Einzelfalluntersuchungen sollen ein tieferes Verständnis der Erfahrungen Mutterschaft und postpartaler Depressionen ermöglichen; eine unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung des Störungsbildes.

Die zum Thema postpartale Depression vorliegenden Studien sind zumeist quantitativ; bei den vorliegenden qualitativen Studien kamen systematisch vergleichende Strategien wie die Komparative Kasuistik nach meinem Kenntnisstand bisher noch nicht zur Anwendung.

Unter Berücksichtigung der zum Thema vorliegenden Literatur wurden folgende Homogenitätsktiterien festgelegt:

Alter zwischen 25 und 35 Jahren, Leben in einer stabilen Partnerschaft (keine alleinerziehenden Mütter), Geburt des ersten Kindes, welches gesund sein sollte, keine Zwillinge, Alter des Kindes bis zu einem Jahr, keine der Schwangerschaft vorausgegangenen psychischen Erkrankungen, in die Gruppe der depressiven Mütter sollen nur Frauen mit ärztlicher Diagnose "Depression" aufgenommen werden.

Die Altersgrenze und die Beschränkung auf Erstgebärende erfolgten unter Berücksichtigung der entwicklungspsychologischen Perspektive dieser Arbeit: die Geburt des ersten Kindes stellt eine besondere Entwicklungsaufgabe dar. Die Erfahrung der Mutterschaft ist beim ersten Kind eine noch unbekannte Herausforderung, wobei das mütterliche Alter von Bedeutung ist. Adoleszente Mütter stehen z.B. besonderen Problemen gegenüber, die das Erleben der neuen Rolle sicherlich nachhaltig beeinflussen und ihre Situation mit derjenigen älterer Frauen wenig vergleichbar erscheinen lassen.

Eine schwere Erkrankung oder Behinderung des Kindes wird als Belastungsfaktor angesehen, der die Lebenssituation der betroffenen Mütter von der Situation der Mütter gesunder Kinder nachhaltig unterscheidet. Die Mutterschaft stellt sich für Zwillingsmütter anders dar als für Mütter von Einlingen.

Die Begrenzung des Kindesalters ist in den unterschiedlichen Anforderungen durch die Betreuung eines Säuglings im Vergleich etwa zum Kindergarten- oder Schulkind begründet, zudem wird damit gewährleistet, dass die Erfahrung der postpartalen Depression noch relativ nah ist: Soweit für die Betroffenen zumutbar, ist es aus phänomenologischer Sicht günstig, das Interview während der Zeit der Erkrankung zu führen.

In die Gruppe der depressiven Mütter nur Frauen mit einer ärztlichen Diagnose "Depression" aufzunehmen ist sicherlich ein strenges Kriterium, zumal Whiffen (1992) in ihrer Metastudie zur postpartalen Depression zu dem Ergebnis kommt, dass unter den betroffenen Frauen häufig solche mit einer leichteren Depression zu finden sind, die oft gar nicht zum Arzt oder Psychologen gehen. Es ist jedoch das Anliegen dieser Arbeit, nicht Frauen mit leichten und möglicherweise ohne Interventionen schnell vorübergehenden depressiven Symptomen, sondern solche, die unter einer Depression mit Krankheitswert leiden, zu befragen. Die Grenze ist sicherlich nicht immer leicht zu ziehen. Darüber hinaus hätte es einen hohen - bzw. noch höheren - Aufwand erfordert, auf eine ärztliche Diagnose zu verzichten und etwa in einer großangelegten Befragung selbst depressive Mütter ausfindig zu machen.

Durch die Berücksichtigung des Homogenitätskriteriums "ärztliche Diagnose 'Depression'" sind in dieser Arbeit Frauen mit einer eher leichten (Swantje), einer mittelschweren bis schweren (Inga) und einer schweren (Karin) depressiven Episode befragt worden. Dabei ist zu bedenken, dass die Einteilung depressiver Störungsbilder im ICD-10/ DSM-IV nach den Kategorien Symptomatologie, Schweregrad, Krankheitsdauer und Rückfallrisiko erfolgt und es gerade nicht als möglich erachtet wird, auf dem Hintergrund spezifischer Ätiologien und Pathophysiologien nosologische Entitäten zu unterscheiden. Insofern erscheint es wenig wahrscheinlich, dass aus der Befragung überwiegend schwer depressiv erkrankter Frauen wenig oder gar kein Erkenntnisgewinn zu ziehen wäre, der dem Verständnis leichterer Ausprägungen einer postpartal auftretenden depressiven Störung dienlich sein könnte.

Die im Phasenmodell der Komparativen Kasuistik vorgesehenen Arbeitsschritte 4.-8. werden in den nun folgenden Teilkapiteln dargestellt.

3.
Interviewgestaltung

Die Interviewgestaltung orientiert sich am problemzentrierten Interview nach Witzel (1985) und an einem Artikel von Dana C. Jack (1999): "Ways of Listening to Depressed Women in Qualitative Research: Interview Techniques and Analyses", erschienen in: Canadian Psychology (1999, 40:2).

Bei seiner Darstellung des problemzentrierten Interviews betont Witzel das "Prinzip der Offenheit der Methode" (1985, S.228, Hervorhebung v. Verf.), welches darin begründet liegt, dass die Daten für sich selbst sprechen und nicht durch eine explizite Hypothesenbildung ex ante begrenzt werden sollen. Der Fokus liegt auf dem Erleben der Betroffenen; anhand einer Schilderung ihrer "komplexen Alltagswelt" (ebd.) eröffnen sich dem Forscher neue Möglichkeiten der Theoriegewinnung.

Weiterhin liegt die Stärke des geschilderten Verfahrens in dessen "kommunikativen Charakter" (Witzel, 1885, S.229): bei der Datengewinnung wird auf die Neutralität des Forschers verzichtet, es wird vielmehr Wert auf eine Zusammenarbeit zwischen Interviewer und Befragtem bei der Erkundung der persönlichen Erlebenswelt gelegt. Dabei ist der kontextuelle Rahmen der Datenerhebung zu berücksichtigen.

Das problemzentrierte Interview zeichnet sich durch drei zentrale Kriterien aus (Witzel, 1985, S.230-235): Problemzentrierung, Gegenstandsorientierung und Prozessorientierung.

Bei der Problemzentrierung geht es um die Wahl einer gesellschaftlich relevanten Problemstellung durch den Forscher, der seinen Wissenshintergrund systematisieren und offen legen sollte. Das Kriterium der Gegenstandsorientierung bedeutet, dass die Auswahl der Methode vom Forschungsgegenstand abhängig gemacht wird, und nicht umgekehrt: "die Gegenposition normativ-deduktiver Provenienz kann man mit dem Begriff 'instrumentorientiert' kennzeichnen" (Witzel, 1985, S.232).

Der Begriff der Prozessorientierung beinhaltet eine Theoriebildung aufgrund eines schrittweise anwachsenden Verständnisses durch wiederholte Bearbeitung der Daten in Abgrenzung zur Verifikation bereits vor der Erhebung konstruierter Theorien.

Die Durchführung des Verfahrens beinhaltet folgende Arbeitsschritte: Erstellung eines Kurzfragebogens (bzw. Dokumentationsbogens), der relevante demographische Daten abfragt, sowie eines Interviewleitfadens, der eine Organisation des Hintergrundwissens des Forschers darstellt. Dieser Leitfaden sollte das Gespräch jedoch nicht dominieren oder einengen: der Interviewer sollte sich vielmehr dem Befragten anpassen und spontane Zusatzfragen stellen, um relevante Aspekte vertiefen zu können. Um aus dem Interview kein "Frage-Antwort-Spiel" (Witzel, 1985, S.245) zu machen, sollte eine narrative Gesprächsstruktur aufgebaut werden, wobei der Einstiegsfrage große Bedeutung zukommt: sie sollte relativ allgemein gehalten sein, damit der Befragte seine Antwort "erzählerisch ausgestalten" (Witzel, 1985, S.245) kann. Eine frühzeitige Fokussierung auf einen bestimmten Problemaspekt ist zu vermeiden.

Nach dem Interview wird ein sogenanntes "Postskriptum" (Witzel, 1985, S.238) oder auch Kontextprotokoll erstellt, das die Eindrücke des Interviewers zum eigenen Kommunikationsverhalten und zu dem des Befragten sowie äußere Einflüsse auf den Gesprächsverlauf etc. festhält. Das auf ein Tonband aufgezeichnete Gespräch wird anschließend abgehört und transkribiert.

Das von Jack (1999) vorgeschlagene Verfahren, welches in Übereinstimmung mit Witzel (1985) die persönliche Lebenswelt der Befragten ins Zentrum des Interesses rückt, bezieht sich sowohl auf die Interviewtechnik als auch auf die Datenauswertung. Die Autorin legt besonderen Wert auf die aktive Rolle des Forschers beim Erkundungsprozess dieser Lebenswelt und schlägt sechs verschiedene, einander ergänzende Arten des Zuhörens ("Ways of Listening", Jack, 1999, S.91-101) vor, die über die Interviewsituation hinaus auch bei der Datenauswertung eine wichtige Rolle spielen:

"open listening", "focused awareness", "attending to meta-statements", "attending to moral language", "attending to inner dialogues" und "attending to the logic of the narrative".

"Open listening" meint eine Aufmerksamkeit, die die Interviewsituation einbezieht und auf das Miteinander zwischen Interviewer und Befragtem achtet. Sowohl verbale als auch nonverbale Signale, wie z.B. feucht werdende Augen oder eine leiser werdende Stimme der Befragten, aber auch körperliche Signale des Interviewers (etwa ein Druckgefühl auf der Brust oder Schauer, die über den Rücken laufen etc.) werden hierbei berücksichtigt.

Im Verlauf des Gesprächs so nah wie möglich an den Worten der Erzählerin zu bleiben ist Ziel der "focused awareness"; dabei sollte die Befragte immer wieder gebeten werden, Schlüsselbegriffe oder -sätze zu erläutern, deren Bedeutung nicht als selbstverständlich angesehen werden darf.

Als "meta-statement" bezeichnet Jack selbstreflexive Aussagen der Befragten wie z.B.: "Ich weiß, das hört sich irgendwie widersprüchlich an" (Jack, 1999, S.93, meine Übersetzung). Durch die Berücksichtigung der "meta-statements" soll ein Zugang zu der vom Individuum wahrgenommenen Diskrepanz zwischen Selbst und sozialer Erwünschtheit ermöglicht werden.

Beispiele für "moral language" sind Sätze wie: "'Ich bin einfach schrecklich',... 'Das hätte ich nie tun sollen', 'Ich bin unmöglich, wenn ich schreie', 'Ich bin wertlos'" (Jack, 1999, S.95, meine Übersetzung). Jack sieht diese Art der Selbstbewertung als ein wichtiges Beispiel zum Verständnis der Wechselwirkung zwischen Selbstkonzept und kulturellen Normen im Erleben depressiver Frauen.

Bei dem Bemühen, den "inneren Dialog" einer Gesprächspartnerin nachzuvollziehen, geht es wiederum um die Selbstwahrnehmung der Frau, bzw. um jeweils verschiedene Seiten ihres Selbst, die sozusagen abwechselnd zu Wort kommen: sei es in geringschätzigen Gedanken über die eigene Person oder aber auch in entlastenden Gedanken, wie etwa: "Im Moment kann ich einfach nicht anders" (frei nach Jack, 1999, S.97).

Die "Logik der Erzählung" zu erfassen bedeutet schließlich, auf deren interne Konsistenz zu achten und Widersprüche in Stellungnahmen über zentrale Themen wahrzunehmen. Auch die Art und Weise, in der zentrale Themen miteinander in Verbindung gebracht werden, ist von Bedeutung.

In Anlehnung an die vorgestellten Verfahrensweisen entwickelte ich den Interviewleitfaden und den Dokumentationsbogen; beide befinden sich im Anhang der Arbeit. Die theoretischen Grundlagen und Vorannahmen wurden in Kapitel 2 der Diplomarbeit dargelegt.

Die Entwicklung des Leitfadens gestaltete sich wie folgt: zunächst erstellte ich in einer Art "brainstorming" eine Themenliste, die relevante Aspekte hinsichtlich der Phänomene Depression, postpartale Depression und Mutterschaft umfasste. Nach der Formulierung einer allzu großen Menge von Fragen wurde eine Auswahl getroffen, die sich grob folgenden Themenbereichen zuordnen lässt:

das Leben als Mutter aktuell, das Leben vor der Schwangerschaft, Feststellung der Schwangerschaft, Erleben der Schwangerschaft, Geburtserleben und die erste Zeit nach der Geburt.

Das aktuelle Leben bildet dabei den Rahmen: in einer narrativen Einstiegsfrage wurden die Interviewpartnerinnen gebeten, einen Tagesablauf mit ihrem Baby zu schildern, dann erfolgte der Rückblick auf die Zeit vor der Schwangerschaft. Die anderen Bereiche wurden in chronologischer Reihenfolge angesprochen, so dass sich am Schluss durch eine intensivere Betrachtung des aktuellen Lebens der Kreis wieder schloss.

Bei der Formulierung der Fragen stand deren Offenheit im Vordergrund; sie sollen einen Erzählanstoß geben und nicht etwa suggestiv sein. Ein erster Entwurf des Leitfadens wurde mit Hilfe eines Probeinterviews überprüft. Eine junge Mutter, die ich als Hebamme neun Monate zuvor während der Schwangerschaft und im Wochenbett betreut hatte, erklärte sich freundlicherweise dazu bereit. Da unser Verhältnis sehr offen und vertrauensvoll war, konnte ich sicher sein, dass sie mir eine ehrliche Rückmeldung über die Brauchbarkeit der Fragen gibt. Danach wurde der Leitfaden unter Berücksichtigung des Probeinterviews im entwicklungspsychologischen Diplomandencolloqium diskutiert, was die Grundlage der neuen, im Anhang befindlichen Fassung darstellt.

Die Frage: 7.14. Wenn ich in einer Position wäre, in der ich etwas für depressive Mütter tun könnte, was würden Sie sich dann von mir wünschen? entstand spontan bei meinem ersten Interview mit einer postpartal depressiven Frau (Karin) und wurde zusätzlich in den Leitfaden mit aufgenommen. Sie wurde nur den Frauen aus der thematischen Gruppe und nicht der Kontrollgruppe gestellt.

Im Rahmen des Dokumentationsbogens, der nicht nur demographische Daten abfragt, sondern zusätzlich eine Eigen- und Familienanamnese umfasst, wurde überdies nach besonderen biographischen/familiären Ereignissen gefragt: daher zog ich es vor, in Abweichung von Witzels (1985) Empfehlungen, den Dokumentationsbogen erst nach Abschluss des Interviews zu bearbeiten, um zu vermeiden, dass durch die Beantwortung der Fragen die Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen (etwa Verlust/Trennung der Eltern o.ä.) gelenkt wird. Dies hätte möglicherweise eine Verzerrung der Daten zur Folge gehabt.

Das Arbeitsmaterial umfasst neben dem Interviewleitfaden und dem Dokumentationsbogen die Aufklärung zum Datenschutz und die Transkriptionsempfehlungen, die sich ebenfalls im Anhang befinden.

4.
Gewinnung und Auswahl der Interviewpartnerinnen

Die Gruppe der nicht depressiven Mütter konnte ich trotz der eng gefassten Homogenitätskriterien durch die Unterstützung von Hebammen, welche die Frauen bei der Geburt und im Wochenbett, im Geburtsvorbereitungskurs bzw. im Rahmen der Rückbildungsgymnastik betreuten, zügig und unproblematisch erreichen; selbstverständlich befragte ich keine Frau, die ich als Hebamme betreut hatte oder bereits kannte, dies hätte die Erhebungssituation nachhaltig beeinflusst. Die Teilnehmerinnen beider Untersuchungsgruppen waren mir zuvor gleichermaßen unbekannt.

Die Suche nach Frauen, die an einer Depression nach der Geburt leiden und die vorgegebenen Kriterien erfüllen, gestaltete sich wie erwartet schwierig. Dabei kamen folgende Hilfsmittel zum Einsatz: wiederholte Anzeigen im Berliner Stadtmagazin "Zitty", eine Anzeige in der Deutschen Hebammen-Zeitschrift (2/2000), zahlreiche Briefe an die Selbsthilfegruppe Schatten & Licht (Krise nach der Geburt e.V.), niedergelassene Psychiater, Psychologen und Gynäkologen, mehrere Geburtshilfliche Abteilungen und Geburtshäuser in Berlin und Hamburg und an zwei Psychiatrische Abteilungen, die erkrankte Mütter mit ihren Kindern aufnehmen (Berlin, Hamburg). Einige Fachleute konnten mit Hilfe einer Expertenliste des Vereins Schatten & Licht gezielt angesprochen werden, was die Suche erleichterte, ebenso der persönliche Kontakt zur örtlichen Selbsthilfegruppe in Berlin.

Die betroffenen Frauen zeigten sich bei der telefonischen Kontaktaufnahme durchweg offen und gesprächsbereit; es gab keine Absagen nach erfolgter Terminabsprache, was mir angesichts der Belastungen durch die Erkrankung und die Betreuung eines Säuglings bzw. Kleinkindes bemerkenswert erscheint. Als eine mögliche Erklärung sehe ich das häufig geäußerte Interesse der Frauen an der Erforschung postpartaler Depressionen an.

Neben einem Probeinterview zur Überarbeitung des Leitfadens wurden zehn Frauen interviewt, davon bilden jeweils drei Frauen die Kontrollgruppe und die thematische Gruppe. Vier Interviews mit depressiven Frauen konnten wegen Verletzung zentraler Homogenitätskriterien keinen Eingang in die Untersuchung finden, sie werden jedoch im Diskussionsteil berücksichtigt.

Bei einer Frau konnte die Diagnose Depression im Sinne der ICD10 Kriterien nicht sicher nachvollzogen werden, bei drei Frauen zeigte sich im Verlauf des Gesprächs, dass bereits vor/während der Schwangerschaft die Diagnose Depression gestellt worden war bzw. dass möglicherweise zusätzlich zur PPD eine Persönlichkeitsstörung vorlag. Das Homogenitätskriterium keine psychiatrische Erkrankung in der Vorgeschichte ist jedoch für die Fragestellung der Arbeit zentral; so wäre es problematisch, eine depressive Episode post partum, der bereits eine oder mehrere depressive Episoden in der Vorschichte vorausgingen, nurmehr als "postpartale Depression" anzusehen.

Lediglich die Kriterien Alter zwischen 25 und 35 Jahren und Alter des Kindes höchstens ein Jahr mussten erweitert werden; das mütterliche Alter reicht nun von 25-38 Jahren, das Alter des Kindes geht bis zu einem Jahr und fünf Monaten.

5.
Interviewdurchführung

Bei der telefonischen Kontaktaufnahme schilderte ich den Frauen zunächst ausführlich das Ziel meiner Diplomarbeit, die Art der Befragung sowie meinen Wunsch, das Gespräch auf ein Tonband aufzunehmen, wobei die Datenschutzmaßnahmen bereits zum ersten Mal angesprochen wurden. Mein Angebot, mich zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu melden, um eine Bedenkzeit zu ermöglichen, wurde nicht in Anspruch genommen. Es kam bei allen Gesprächspartnerinnen bereits beim ersten Telefonat zu einer Terminabsprache.

Die sechs in der Untersuchung berücksichtigten Interviews fanden alle in der Wohnung der jeweils Befragten statt, was dem Wunsch der Mütter entsprach, mit ihrem Kind keine Wege zurücklegen zu müssen. Ich hatte vor der Nennung dieser Möglichkeit andere in Frage kommende Orte (z.B. einen Seminarraum der TU Berlin) aufgezählt, damit sich die Frauen nicht bedrängt fühlten. Eine Psychiaterin, die mich bei der Suche nach Interviewpartnerinnen unterstützt hat, gab zu Bedenken, dass es bei psychisch erkrankten Frauen u.U. zu einem Gefühl der Bedrohung kommen könnte, wenn man sie in ihrer Wohnung aufsuchen möchte.

Nach der Begrüßung wurde mir meist Tee oder Kaffee angeboten und das Kind (sofern es nicht gerade schlief) vorgestellt: bei fast allen Interviews waren die Kinder zumindest während eines längeren Zeitraums beim Gespräch anwesend; lediglich Annas vier Monate alte Tochter wurde vom Vater betreut und nur einmal kurz zum Stillen gebracht. Die Anwesenheit der vier bis siebzehn Monate alten Kinder brachte zwar z.T. Unruhe und Unterbrechungen des Gesprächs zur Beruhigung des Babys mit sich, wirkte sich jedoch nicht nachhaltig hemmend auf den Erzählfluss aus. Überdies eröffnete sich mir so die Möglichkeit, die Mutter-Kind-Interaktion zu beobachten und meine Eindrücke zusammen mit dem Kontextprotokoll schriftlich niederzulegen. Als Grundlage für die Interaktionsbeobachtungen dienten die Ausführungen von Daniel Stern (1997), der die Mutter-Kind-Interaktion untersucht und dabei die Einflüsse des Mienenspiels, der Vokalisation, der auslösenden Verhaltensweisen des Kindes, der Aufforderungen zur Interaktion (Initiation) und der Regulierung des Erregungsniveaus und des Verlaufs detailliert dargestellt hat. Als problematisch werden Verhaltensweisen seitens der Bezugspersonen bezeichnet, die die kindlichen Signale übergehen und dabei z.B. das Erregungsniveau nicht adäquat einschätzen, wodurch es zur Über- oder Unterstimulation kommt. Ein Kind ist auf die Erfahrung angewiesen, dass es mit seinem Verhalten die Umgebung im Sinne der eigenen Gefühlslage beeinflussen kann. Der Säugling, der von einem unsensiblen, aufdringlichen Gegenüber permanent überstimuliert wird, hat keine andere Möglichkeit, als den Blick zu senken und den Kopf abzuwenden. Schlimmer ist laut Stern (1997) jedoch die Erfahrung, dass Bezugspersonen überhaupt nicht auf kindliche Signale reagieren; die wichtige Überzeugung, die Umgebung beeinflussen zu können, kann sich unter dieser Voraussetzung nicht entwickeln.

Sowohl die Kontextprotokolle als auch die Interaktionsbeschreibungen befinden sich zusammen mit den Interviewtranskripten im nicht öffentlichen Teil meiner Arbeit.

Beim Kaffeetrinken kam das Gespräch meistens noch einmal auf Sinn und Ziel meiner Arbeit: Insbesondere die Frauen aus der thematischen Gruppe (im folgenden th.G.) zeigten sich erfreut über mein Interesse an postpartalen Depressionen. Darüber hinaus gab ich den Gesprächspartnerinnen die Gelegenheit, mir Fragen zu stellen, um einem allzu großen Ungleichgewicht in der Beziehung vorzubeugen. Es folgten die Aufklärungen zur Anonymisierung und zum Datenschutz und der Aufbau des Tonbandgeräts.

Die Gespräche verliefen zumeist flüssig und zum Teil auch sehr lebhaft, eine Kurzbeschreibung des jeweiligen situativen Kontextes befindet sich am Anfang jeder Einzelfalldarstellung. Zu Beginn des Interviews wies ich die Frauen darauf hin, dass es keine "richtigen" und "falschen" Antworten gibt, sondern dass ihr persönliches Erleben bedeutsam ist. Ich bat sie, mir Rückmeldung über unklare Fragen zu geben, bzw. zu sagen, wenn sie eine Frage nicht beantworten möchten oder eine Pause brauchen. Die Interviews dauerten zwischen einer und dreieinhalb Stunden, wobei die Gespräche mit den Frauen aus der Kontrollgruppe (im folgenden K.G.) und mit Swantje einen Termin in Anspruch nahmen, während sich das Interview mit Inga über zwei und das mit Karin über drei Termine erstreckte. Zum dritten Termin mit Karin kam es aufgrund technischer Probleme: beim zweiten Treffen lief das Tonbandgerät, nahm jedoch nicht auf. Nach Entdeckung des leeren Tonbandes hielt ich aus der Erinnerung wichtige Themen des Gesprächs schriftlich fest; diese Aufzeichnungen fanden ebenfalls Eingang in die Untersuchung. Freundlicherweise erklärte sich Karin dazu bereit, das Gespräch zu wiederholen. Die Fragen zum aktuellen Leben (Interviewleitfaden Fragen 7.1.-7.14.) wurden demnach zweimal beantwortet, was bei der Auswertung der Daten zu berücksichtigen ist.

Nach Abschluss des Interviews erfolgte die Anonymisierung, wobei die Frauen sich selbst die Codenamen aussuchen konnten, und die Bearbeitung des Dokumentationsbogens. Anschließend ergab sich häufig noch ein Gespräch, bei dem es möglich war, den Gesprächspartnerinnen unterstützende Tips zu geben, wie etwa einen Hinweis auf die Existenz der Selbsthilfegruppe Schatten & Licht oder andere Möglichkeiten, häuslicher Isolierung vorzubeugen. Die Frauen zeigten sich durchweg interessiert an einer Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit. Hervorzuheben ist die große, zuweilen erschütternde Offenheit aller Interviewpartnerinnen, die sich nicht scheuten, z.B. auch von "negativen" Gefühlen ihrem Kind gegenüber oder, im Fall einiger depressiver Frauen, von Suizidgedanken zu berichten. Insofern waren die Interviews für mich fesselnd und aufwühlend.

Der Prozess der Datenerhebung erfasste neben der Interviewdurchführung das Erstellen der Kontextprotokolle und der Interaktionsbeobachtungen und die Transkription der Interviews, die ich weitestgehend nach den Empfehlungen Legewies (2000, im Anhang) durchführte. Eine Abwandlung dieser Empfehlungen ist der Verzicht auf den Sprecherwechsel bei z.B. von mir eingeworfenen Äußerungen wie "hmm" oder "ja, klar". Ein Verzicht auf Sprecherwechsel ist bei Legewie nur für das Simultansprechen vorgesehen; die Einhaltung dieser Regel hätte die Transkripte allzusehr in die Länge gezogen, was in Anbetracht des Datenumfangs (Gesamtseitenzahl der Transkripte: 702) nicht wünschenswert erschien.

6.
Beschreibung des Vorgehens bei der Textauswertung

Die Textauswertung erfolgte in Anlehnung an das von Jack (1999) vorgeschlagene Verfahren, welches in Abschnitt 3 beschrieben wurde, und an die Methode des "Zirkulären Dekonstruierens" von Jaeggi, Faas & Mruck (1998), die im folgenden kurz dargestellt wird.

Zur wichtigen Grundlage dieses Vorgehens gehört sozusagen ein Abschied vom Ideal der Objektivität; bereits im Zuge der Transkription kommt es zur "Verfremdung einer lebendigen Interaktion zu einem eher statischen Text, dessen Dynamik durch unterschiedliche Lesarten höchst subjektiv wiederbelebt wird" (Jaeggi et al. 1998, S.5). Gerade dieser Mangel an Objektivität kann jedoch zu einem "Königsweg" (ebd.) zu möglicherweise verborgenen Sinngehalten des Materials werden, wobei dieses "in kreativen Gedankenschleifen intuitions- und theoriegeleitet" (ebd.) bearbeitet wird. Dabei darf bearbeiten nicht mit erschließen verwechselt werden; die Autorinnen betonen, dass Komplexität und Facettenreichtum des mit Hilfe eines qualitativen Interviews gewonnenen Materials dessen vollständige Auswertung unmöglich machen.

Die Bearbeitung des Materials erfolgt in zwei Phasen: zunächst werden die Interviews einzeln betrachtet, woran sich ein systematischer Vergleich mehrerer Interviews anschließt. Diese Art des Vorgehens harmoniert mit dem Verfahren der Komparativen Kasuistik, daher erschien es besonders geeignet für die Zielsetzung meiner Arbeit.

Für die Untersuchung der einzelnen Interviews schlagen Jaeggi et al. (1998, S.7-14) sechs Schritte vor:

  • Formulierung eines Mottos für den Text: dabei kann es sich um ein besonders markantes Zitat oder aber um eine Formulierung des Interviewers handeln, die dessen Eindruck vom Text prägnant wiedergibt.

  • Zusammenfassende Nacherzählung: im Sinne einer Straffung des Materials werden wesentliche Gesprächsinhalte und -aspekte möglichst knapp dargestellt.

  • Stichwortliste: Auflistung besonders gehaltvoller Worte in chronologischer Reihenfolge.

  • Themenkatalog: Abstraktion zusammenfassender Oberbegriffe aus der Stichwortliste.

  • Paraphrasierung: Zusammenfassung des Themenkatalogs in verschiedenen Meta-Themen, von denen eines oder mehrere ausdifferenziert werden.

  • Durch eine Integration der vorangegangenen Arbeitsschritte werden interviewspezifisch zentrale Kategorien extrahiert, wobei versucht wird, "kleine Theoriebestandteile" (Jaeggi et al., 1998, S.13) auszuarbeiten.

Die geschilderten Arbeitsschritte stellen die Grundlage für den kontrastierenden Vergleich der Interviews dar. Der Vergleich im Rahmen dieser Arbeit erfolgte nach der von Jüttemann (1981) entwickelten Komparativen Kasuistik, daher werden die von Jaeggi et al. (1998) vorgeschlagenen, interviewvergleichenden Arbeitsschritte hier nicht erläutert.

Jaeggi et al. (1998) gehen bei den oben dargestellten Arbeitsschritten von etwa einstündigen Interviews und einer Textlänge von 30-40 Seiten Interviewtranskript aus. Da die Gespräche im Rahmen dieser Untersuchung erheblich länger waren, ergibt sich eine durchschnittliche Seitenzahl von 117, was eine Modifikation des Verfahrens notwendig erscheinen ließ, zumal die Erzählungen zum großen Teil sehr dicht waren und z.B. durch eine straffende Nacherzählung viele relevante Aspekte verlorengegangen wären. Die Länge der Gespräche spiegelt vermutlich zum einen das Bedürfnis der Frauen, sich aufgrund der massiven Umwälzungen in ihrem Leben detailliert mitzuteilen, ist jedoch sicher auch im Umfang des Interviewleitfadens begründet.

Die Modifikation des "Zirkulären Dekonstruierens" unter Berücksichtigung der Vorschläge von Jack (1999) führte zum folgenden Vorgehen:

Nach sorgfältigem, mehrmaligem Durchlesen des Textes erfolgte die Wahl eines Mottos: dabei handelt es sich in dieser Arbeit durchweg um Zitate, da die Erzählungen sehr reichhaltig waren und ich die im Motto jeweils angesprochenen Themenbereiche nicht besser hätte fassen können, ohne dass dadurch Atmosphärisches bzw. die "persönliche Note" der jeweiligen Interviewpartnerin verlorengegangen wäre. Nicht selten handelte es sich beim Motto um einen prägnanten Satz, der bereits beim/ kurz nach dem Interview meine Aufmerksamkeit besonders fesselte. Beim ersten Durcharbeiten der Texte wurden bereits wichtige Stichworte und spontane Interpretationsideen am Textrand vermerkt, die als Grundlage für den nächsten Schritt anzusehen sind: anstelle der nun vorgeschlagenen Nacherzählung erfolgte eine Vorstrukturierung des Materials, indem wichtige Aussagen zu folgenden Themenbereichen zusammengestellt wurden:

  1. Lebenszufriedenheit vor der Schwangerschaft

  2. Erleben der Schwangerschaft

  3. Geburtserlebnis

  4. Erleben der Depression (thematische Gruppe)

  5. Selbstbild und -beschreibung, Umgang mit sich selbst

  6. Beziehung und emotionale Bindung zum Kind

  7. Partnerschaft

  8. Beziehung zur Mutter

  9. Erleben der Mutterschaft, Lebenszufriedenheit nach der Geburt

Diese Bereiche umfassen Verlaufsaspekte (1.-4., 9.), Beziehungsaspekte (6.-8.) und das Selbstbild (5.). Den neun Bereichen wurden Aussagen der Interviewpartnerin zugeordnet; zusätzlich wurden Interpretationsmöglichkeiten vermerkt. Die so entstandene Stichwortliste zu bestimmten Themenbereichen bildet wiederum die Grundlage für eine Paraphrasierung, die nacherzählende Elemente enthält, um den Verlaufsaspekt des Übergangs zur Mutterschaft nachvollziehbar zu machen. Stichwortliste und Paraphrasierung für Karin befinden sich exemplarisch im Anhang der Arbeit. Die Paraphrasierung ist als Vorstufe für die in Kapitel 4.1 befindlichen, detaillierten Einzelfalldarstellungen anzusehen.

Um im Verlauf dieser Arbeitsschritte eine Rückmeldung über die Transparenz des Vorgehens und die Plausibilität meiner Ansätze zu bekommen, bildete ich mit einer Kommilitonin, die ebenfalls eine qualitative Arbeit verfasst, eine Auswertungsgruppe: ein Vorgehen, das von Jaeggi et al. (1998) empfohlen wird: "Eine Interpretationsgemeinschaft oder eine Forschungssupervision erweisen sich in diesem Kontext (beim "Zirkulären Dekonstruieren", Anm.d.Autorin) als segensreich und sollten sich dem Motto verschreiben: Denkverbote gibt es nicht!" (Jaeggi et al., 1998, S.5). Die Gruppenarbeit gestaltete sich wie folgt: wir tauschten jeweils vier unserer Interviewtranskripte aus und bearbeiteten in acht mehrstündigen Treffen jeweils ein Interview. Dabei erlebte ich es als hilfreich, dass meine Kommilitonin und ich sehr unterschiedliche Themen bearbeitet haben; so konnten wir beide überprüfen, ob unsere Interpretationsansätze für eher "uneingeweihte" Zuhörer verständlich und nachvollziehbar sind und eventuelle Voreingenommenheiten kontrollieren. Darüber hinaus gab uns die gemeinsame Zeit die Gelegenheit, Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen rückblickend im Interview und während der Auswertungsphase wahrzunehmen, zu reflektieren und zu analysieren. So entwickelte ich besonders für Karin intensive mütterliche Gefühle, was zu einer Überidentifikation hätte führen können.

Als weiteres, wichtiges Korrektiv ist das entwicklungspsychologische Diplomandencolloqium zu nennen, wo ich mehrmals verschiedene Arbeitsschritte vorstellen konnte und konstruktive Kritik und zusätzliche Anregungen von Kommilitonen/innen und Betreuern bekam.

In Anbetracht des zu erwartenden Umfangs der Einzelfalldarstellungen halte ich es für sinnvoll, die Entwicklung der Komparationskategorien erst im Komparationsteil zu schildern, obwohl es sich dabei um die Darstellung einer methodischen Vorgehensweise handelt.

Anmerkungen

Durch dieses Vorgehen kommt es zu einer Abweichung von den Transkriptionsregeln nach Legewie (2000, im Anhang), der vorschlägt, bei der Anonymisierung auf gleiche Silbenzahl zu achten: z.B. Mila - Ella. Dies einzuhalten wäre nicht leicht gewesen, zumal auch die Namen der Partner und Kinder anonymisiert werden mussten. <zurück>

Der Leitfaden wird in Kapitel 6: Kritik und Ausblick noch einmal zur Sprache kommen. <zurück>

 

© 2003 http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/postpartale-depressionen/, Status: 28. August 2003