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Postpartale Depressionen

– ein eigenständiges Krankheitsbild?

Postpartale Depressionen, also Depressionen, die nach der Geburt eines Kindes auftreten, sind weder in der ICD-10 noch im DSM-IV als eigenständiges Krankheitsbild aufgeführt. Im DSM-IV existiert eine Zusatzcodierung für depressive Störungsbilder "mit postpartalem Beginn", die für den Fall einer innerhalb der ersten vier Wochen nach der Geburt eines Kindes auftretenden Erkrankung vorgesehen ist. Die meisten Autoren sprechen jedoch darüber hinaus auch dann von einer postpartalen Depression, wenn sie bis zu einem Jahr nach einer Entbindung auftritt.

Einige Forscher verwendeten an Stelle von postpartal (lat. partus Geburt, Entbindung) den Begriff postnatal: letzterer ist allerdings nicht ganz korrekt, da er sich auf das Neugeborene bezieht (lat. natus geboren), die Depression jedoch bei der Mutter auftritt.

Ob die postpartale Depression (im Folgenden PPD) als eigenständiges Krankheitsbild aufgefasst werden sollte, wird unterschiedlich beurteilt: die meisten Forscher sind nicht dieser Auffassung. Einigkeit herrscht hingegen darüber, dass die PPD ein unterdiagnostiziertes Phänomen darstellt: Demzufolge kommt vielen betroffenen Frauen nicht die notwendige Behandlung zu. Zu den möglichen Ursachen zählt sicher, dass das Thema PPD in der deutschen Psychologie und Medizin – im Gegensatz zum angloamerikanischen Sprachraum – bisher wenig Beachtung gefunden hat, was sich langsam ändert. Immerhin muss davon ausgegangen werden, dass zwischen 6 und 22% der Mütter im ersten Lebensjahr des Kindes an depressiven Symptomen leiden. Die Symptome unterscheiden sich nicht von depressiven Störungsbildern, die unabhängig von der Geburt eines Kindes auftreten. Es kommen allerdings ambivalente, fehlende oder negative Gefühle dem Kind gegenüber hinzu, die zu Schuldgefühlen bei den Frauen führen – was möglicherweise ein Grund dafür ist, dass viele der Betroffenen keine professionelle Hilfe suchen. Ein anderer Grund mag eine ausgeprägte Erwartungshaltung seitens der Fachleute sein, dass die Mutter "doch ihr Kind lieben muss", was zu negativen Gefühlen der Frau gegenüber führt, die ihr sicher nicht verborgen bleiben. Hier zeigt sich etwas von der gesellschaftlichen Dimension der PPD.

Die zum Thema vorliegenden Befunde sind insbesondere was Ätiologie und Pathogenese angeht nicht ganz eindeutig. Sicher ist jedoch, dass Frauen, die bereits Depressionen in ihrer Vorgeschichte haben oder familiär belastet sind, eher eine PPD entwickeln.

Bisher wurden zum Thema überwiegend quantitative Studien durchgeführt. Der Vorteil qualitativer Herangehensweisen ist die Möglichkeit, das Phänomen PPD aus Sicht der Betroffenen zu erforschen und neue Einflussfaktoren zu entdecken, was bei quantitativer Forschung – etwa beim Einsatz vorab erstellter Ratingskalen – nicht in vergleichbarer Weise möglich ist.

Die wichtigsten Ergebnisse der qualitativen Erhebung und eine theoretische Einführung in das Phänomen PPD finden Sie in meinem Buch "Nehmt es weg von mir. Depressionen nach der Geburt eines Kindes", erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht, 2003.

 

© 2003-2004 http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/postpartale-depressionen/, Status: 21. März 2004